2012 – Lebensmittelvielfalt

Autor: Gerhard Schneider-Rose

Warum Vielfalt?

In der Natur:

Durch Mutationen entsteht Vielfalt in allen Tier- und Pflanzenarten. Viele Mutationen sind nicht überlebensfähig, viele unschädlich und bestehen fort, ganz wenige setzen sich schnell durch, weil sie Vorteile bieten.

Die unschädlichen sind die „Sicherheitsreserve“: Wenn sich die äußeren Bedingungen ändern und die dominanten genetischen Eigenschaften plötzlich nicht mehr lebensfähig sind, können sie den Fortbestand sichern.

 

Bei Nutztieren und Nutzpflanzen:

Artenvielfalt bietet für jede Region die idealen Nutzpflanzen.

Traditionell wurden in jeder Region die an das örtliche Klima (Frost, Trockenheit, Nässe, Vegetationsdauer) und an die Bodenfruchtbarkeit angepasste Getreide-, Gemüse- und Obstsorten angebaut. So gab es in Europa Gegenden, in denen Weizen dominierte – noch mal unterschieden nach verschiedenen Sorten mit unterschiedlichen Ansprüchen. In anderen Regionen dominierten Roggen, Hafer, Gerste oder Buchweizen mit dementsprechenden Brei- und Brotsorten.

Kunstdünger, Pestizide und künstliche Bewässerung haben möglich gemacht, dass das als am hochwertigsten eingeschätzte Getreide – der Weizen – überall angebaut werden kann. Dies hat zu einer Verdrängung der anderen Getreidearten und einer Veränderung der Ernährungsgewohnheiten geführt.

Der Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden schädigt die Natur und das Grundwasser und zerstört langfristig die Böden. Regionale Ernährungsgewohnheiten gehen verloren. Zum Beispiel ist das reine Roggenbrot selten geworden in Nordhessen.

 

Artenvielfalt als Genpool

Niemand kann Änderungen der klimatischen Bedingungen und die Entwicklung von neuen Schädlingen voraussagen. Auch die Ernährungsgewohnheiten sind einem kulturellen Wandel unterworfen. Damit können Eigenschaften, die heute wertlos erscheinen, in Zukunft sehr wertvoll werden.

Beispiele:

Die Schorfanfälligkeit von Apfelsorten wie Golden Delicious kann durch Pestizide bekämpft werden. Wenn Pestizide verpönt sind, ist die Sorte Golden Delicious nicht mehr für den Gewerbsanbau geeignet.

Bei den Kirschen sind die „rotbunten“, frühen Sorten weniger anfällig für Madenbefall. Sie sind im Zeitalter des Pestizideinsatzes weitgehend verschwunden, weil sie dem Klischee der Kirsche (rot, herzförmig, groß) nicht entsprechen.

Es gibt Apfelsorten, die für Menschen mit Apfel-Allergie verträglich sind (z. B. Berner Rosenapfel, Goldparmäne).

Schweinerassen mit hohem Fettanteil, insbesondere hohem Rückenspeck, waren bis ca. 1950 sehr beliebt, weil kalorienreiche Nahrung wichtig war. Seitdem sind Rassen wie das „Bunte Bentheimer“ und das „Schwäbisch Hällische“ durch magere Rassen wie das Deutsche Landschwein verdrängt worden.

 

Artenvielfalt vervielfältigt und optimiert die Einsetzbarkeit von Nahrungsmitteln.

So gibt es Apfelsorten, die gut zum Rohverzehr geeignet sind, andere eignen sich für die Saftherstellung, zum Backen, Trocknen oder für die Herstellung von Apfelbrei.

Es gibt Weizensorten für die Nudelherstellung, für feine Kuchenteige, zum Brotbacken und als Futtergetreide.

 

Artenvielfalt verlängert die Verfügbarkeit von frischen Lebensmitteln

Verschiedene Arten haben unterschiedliche Reifezeitpunkte und oft noch eine davon verschiedene Genussreife. Dies verlängert die Verfügbarkeit von Gemüse- oder Obstsorten ohne weite Transportwege. Äpfel zum Beispiel reifen von Juli (Weißer Klar) bis Dezember (Eiserapfel). Manche Sorten sind bei guter Lagerung bis weit ins Frühjahr zu geniessen.

 

Artenvielfalt puffert witterungsbedingte Schäden ab

In Jahren mit Spätfrösten liefern Sorten, die noch später blühen, gute Ernten und gleichen die Ernteausfälle der vom Frost betroffenen Sorten aus. Sehr trockene oder sehr feuchte Sommer werden von unterschiedlichen Kartoffelsorten unterschiedlich gut überstanden.

 

Artenvielfalt sorgt für Geschmacksvielfalt

Jede Sorte schmeckt anders, hat einen anderen Geruch und eine andere Konsistenz im Mund. Es ist Teil der Identität, Lieblingssorten zu haben und sich durch bestimmte Geschmacks- und Geruchserlebnisse an Personen oder Orte aus der Lebensgeschichte erinnern zu können.

 

Beispiel: Apfel

Vor 130 Jahren waren weltweit 20.000 Sorten bekannt, heute bestimmen 5-6 Sorten den Weltmarkt. In Deutschland waren vor 100 Jahren 1000 Sorten dokumentiert. Regionale Varianten sind hierbei unberücksichtigt.

Die Sorten des modernen Erwerbsobstbaus basieren auf vielfältigen Züchtungen mit den 6 Sorten Golden Delicious, Cox Orange, Jonathan, McIntosh, Red Delicious und James Grieve. Gegenüber der Vielfalt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts stellt dies eine enorme Verarmung der Vielfalt dar.

 

Bedrohung der Vielfalt

Homogenisierung der Wachstumsbedingungen

Heute macht die Chemie möglich, dass traditionell nicht geeignete Böden und klimatische Zonen mit ertragreicheren Sorten bewirtschaftet werden. Dies verdrängt traditionelle Sorten.

Maschinenfähigkeit von Sorten

Arbeitsplatzkosten sind der höchste Kostenfaktor in der Landwirtschaft. Dies führt zur Bevorzugung von „maschinenfähigen“ Anbauformen und Sorten bei Bearbeitung und Ernte.

Beispiel: Heisteranbau bei Äpfeln. Dafür geeignete Sorten gewinnen, homogene Erntereife ist ein weiterer Auswahlfaktor.

 

Transportfähigkeit von Sorten

Mit der Verlängerung der Transportwege werden Sorten verdrängt, die druckempfindlich sind.

 

Monopolisierung des Saatgutes

Weltweit beherrschen 10 Firmen 50 % des weltweiten Saatguthandels. Mit dem Instrument der Patentierung wird diese Monopolstruktur verfestigt. Die Patente beziehen sich nicht nur auf Ergebnisse eigener Züchtungen, sondern auch auf analysierte Genabschnitte von traditionellen Arten und Rassen.

Das Patent verhindert, dass Bauer selbst Saatgut züchten bzw. Teile der Ernte zur Neuaussaat einsetzen dürfen. Dies macht Bauern wirtschaftlich von den Konzernen abhängig und fördert den Hunger bei armer Landbevölkerung.

Beispiele

  • In Monsantos Patentanmeldung WO2008021413, dem „Patent auf die Monsantisierung von Mais und Soja“, werden Methoden beansprucht, die in der konventionellen Pflanzenzucht weit verbreitet sind. Auf mehr als 1000 Seiten und in 175 Ansprüchen beansprucht Monsanto vor allem bei Mais und Soja verschiedene Gensequenzen und Genvariationen. Monsanto geht sogar so weit, ausdrücklich alle Mais und Sojapflanzen zu beanspruchen, die diese genetischen Elemente beinhalten. Weiterhin wird jegliche Verwendung für die Herstellung von Futter­ und Lebensmitteln sowie Biomasse beansprucht. Diese Patentanmeldung wurde regional auch in Europa, Argentinien und Kanada angemeldet.
  • In der Patentanmeldung WO 2009011847, dem „Patent auf die Monsantisierung von Fleisch und Milch“, beansprucht Monsanto umfangreiche Ansprüche zur Zucht von Rindern, die Tiere selbst, sowie „Milch, Käse, Butter und Fleisch“.
  • Auch andere Konzerne melden aggressiv Patente auf genetische Ressourcen an, die zur Lebens­ und Futtermittelproduktion benötigt werden. Ein Beispiel ist WO2008087208, „Syngentas Patent auf die Maisernte“, das verschiedene genetische Veranlagungen in Maispflanzen beansprucht, die den Ernteertrag beeinflussen. Syngenta beansprucht die Pflanzen selbst und sogar deren Ernte.
  • Verschiedene ähnliche Patente wurden auch bereits erteilt, so zum Beispiel auf die Zucht von Sojabohnen, WO 98/45448, „Duponts Patent auf Tofu“, das in Australien, Europa und den USA erteilt wurde. Es umfasst Soja­Sauce, Tofu, Soja­Milch und Babynahrung, die aus diesen Sojabohnen hergestellt werden. Dieses Patent (oder Patente aus derselben Patentfamilie) wurde auch in Brasilien, Kanada, China, Japan, Norwegen und Neuseeland beantragt.
  • (aus: no patents on seeds. Der globale Aufruf)

 

HUNGER DURCH PATENTE ?

Ein Bericht von Greenpeace Deutschland (in Englisch, mit deutscher Zusammenfassung)

PATENTS ON HUNGER ?- A selection of recent patent applications in seeds, food and agrofuels and its possible implications on world food security

Deutsche Zusammenfassung:

Hintergrund: Hunger durch Patente? Warnung vor neuen Monopolen bei Lebensmitteln und Biomasse

Der Report „Patents on Hunger?” warnt vor den möglichen Folgen der Patentierung von Lebensmitteln und Energiepflanzen. Grundlage des Berichtes ist die Analyse aktueller Patentanmeldungen bei der Weltpatentbehörde WIPO. Die Recherche zeigt, dass verschiedene Konzerne wie Monsanto Patente anmelden, die sich gleichzeitig auf die Bereiche der Lebensmittel-, Futtermittel- und Energieerzeugung erstrecken. Dabei werden alle möglichen Produktionsstufen und Verwendungen von den Ansprüchen umfasst.

Ausgehend vom Saatgut beanspruchen die Konzerne die gesamte Produktionskette bis hin zur Verarbeitung der Ernte z. B. zu Salatöl und Agrosprit. Im Gegensatz dazu kann ein Verkäufer von Saatgut, das mit dem in Europa bisher üblichen Sortenschutz ausgestattet ist, nicht bestimmen, was mit der Ernte und den daraus hergestellten Produkten geschehen soll. Mit Patenten, die die gesamte Herstellung und Verwertung von Lebensmitteln und Biomasse umfassen, ändert sich das grundlegend.

Überraschenderweise ist die Grundlage der Patente dabei in vielen Fällen die Züchtung konventioneller Pflanzen, Gentechnik spielt dagegen oft keine Rolle. In Fällen, in denen Gentechnik zum Einsatz kommen soll, bleibt die technische Beschreibung oft auffällig ungenau, es sollen sogar mehr oder weniger unerwartete Effekte patentiert werden. Auf Grundlage des Inhalts der analysierten Patente muss der künftige Beitrag transgener Pflanzen zur Produktion von Nahrungs- und Energiepflanzen als gering eingeschätzt werden.

Die Patentanmeldungen zeigen dagegen, dass Unternehmen wie Monsanto sich zunehmend so positionieren, dass sie gleichermaßen die Märkte für Lebensmittelherstellung und nachwachsende Rohstoffe kontrollieren können, unabhängig davon, ob Gentechnik zum Einsatz kommt. Damit könnten diese Konzerne gleichzeitig an miteinander konkurrierenden Märkten verdienen und würden insbesondere an einer Verknappung der Ressourcen profitieren. Konzerne, die eine ausreichend starke Marktposition haben, könnten beispielsweise ein Interesse daran haben, dass Agrarprodukte systematisch verteuert werden und würden damit gleichzeitig die Hungerkrise in den armen Ländern verschärfen.

Die Nutzung von Getreidepflanzen wie Mais, Weizen und Soja zur Energieherstellung in den industrialisierten Ländern wird bereits jetzt als einer der Gründe für die derzeitige Verteuerung der Grundnahrungsmittel in den Entwicklungsländern genannt. Gleichzeitig stiegen im Jahr 2007 die Börsenkurse des US Unternehmens Monsanto, dem weltweit größten Anbieter von Saatgut, so steil an wie die Preise für Rohöl.

Die Autoren sehen in den analysierten Patentanträgen einen drohenden Missbrauch des Patentrechtes mit dem Ziel, die Märkte für Lebensmittelherstellung und nachwachsende Rohstoffe in großem Umfang zu übernehmen. Mit besonderer Sorge weisen die Autoren darauf hin, dass das Europäische Patentamt derzeit die Freigabe von Patenten auf normale, nicht gentechnisch veränderte Pflanzen erwägt. Damit würde automatisch auch die Patentierung der nachfolgenden Schritte der Verarbeitung für Lebensmittel oder Biomasse einhergehen. Über 50 Bauernorganisationen aus vielen Teilen der Welt haben sich bereits gegen derartige Patente ausgesprochen.