2010: “Selbstversorgung”

1917: Johannes Rehwald schlachtet bei Schmied Kaiser in der Judenstraße in Bebra


Unsere Generation scheint die erste Generation zu sein, die beim Abschalten des Stromes, beim Lieferstopp für Heizöl, beim Zusammenbrechen des LKW-Verkehrs in kurzer Zeit verhungern oder erfrieren wird, weil alles Wissen über Selbstversorgung verloren gegangen ist.

Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln bedeutet, dass Kartoffeln, Gemüse, Obst und Getreide für den eigenen Bedarf angebaut und Nutztiere gehalten und verwertet werden. Zur Selbstversorgung gehört die Konservierung von Nahrungsmitteln zwingend dazu, damit nicht nur zur Ernte- und Schlachtzeit Nahrung im Überfluss vorhanden, sondern übers ganze Jahr Essen im Haus ist. Zur Selbstversorgung gehören das eigene Feld oder der eigene Garten, Ställe, Geräte zur Verarbeitung der Lebensmittel und Räume zum Lagern wie Kartoffelkeller und Wurstekammer.

Im weiteren Sinne ist auch das regelmäßige Kochen ein Akt der Selbstversorgung.

Bis zur industriellen Revolution war die Selbstversorgung mit Nahrung in Stadt und Land Standard für fast alle Menschen in Deutschland. Danach ist sie immer mehr durch Warenangebote und Dienstleistungen ersetzt worden. Heute ist ein Leben ohne Küche, ohne Wissen um Konservierung und Kochen möglich, ohne dass jemand Hunger leiden muss. Essen und Trinken hat für die meisten den Bezug zur Region und zur Jahreszeit verloren.

Nordhessen ist lange ländlich geprägt geblieben und so war in der Region bis weit in die Nachkriegszeit Selbstversorgung weit verbreitet: Einkochapparat und Entsafter gehörten in jeden Haushalt, viele hatten einen Gemüsegarten, Kaninchen wurden gezüchtet, Hausschlachtungen waren weit verbreitet.

Heute verschwinden auch in den Dörfern immer mehr Gemüsegärten. Die Hausschlachtung und das Brotbacken im Backhaus sind fast schon exotisch geworden. Wer kennt noch milchsauer eingelegte Gurken und Bohnen? Wer hat noch eingekochte Süßkirschen, Erdbeeren und Birnen im Keller? Wo wird noch Marmelade selbst gekocht? Wer dörrt noch Obst oder Gemüse? Wer kennt noch Sulperknochen? Diese Fragen werden auch in Nordhessen inzwischen immer seltener mit ja beantwortet. Mit dem Verschwinden der Selbstversorgung haben die Nordhessen Zeit gewonnen. Sie haben aber auch Lebensqualität verloren, denn das Wissen um das, was man isst und trinkt ist ein Teil des Genusses. Industriell und handwerklich hergestellte Produkte sind nicht vergleichbar mit den hausgemachten Gerichten: Die Wurst „nach Hausmacher Art“ ist nur bedingt vergleichbar mit der Ahlen Wurscht, die jemand im Wissen gemacht hat, dass er sie selbst mit Genuss essen möchte. Es ist ein Glücksfall geworden, so etwas wie Roggenbrot aus dem Holzbackofen schmecken zu dürfen.

Nordhessen geschmackvoll! in Melsungen hat eine gewisse Nähe zur Idee der Selbstversorgung: Viele der Produkte haben ihren Ursprung in der Selbstversorgung – Musterbeispiel ist die Ahle Wurscht. Ansonsten ist der Kontakt vom Erzeuger direkt zum Kunden, wie er bei Nordhessen geschmackvoll die Regel ist, nah dran an der eigenen Herstellung.

Fotoaktion
Als besondere Aktion bittet Slow Food Nordhessen die Besucher von Nordhessen geschmackvoll! darum, alte Fotos zum Thema Selbstversorgung mit zu bringen. Die Fotos werden am Stand eingescannt und sofort zurück gegeben. Sie sollen für die Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Geschichte der Ernährung in Nordhessen genutzt werden. Unter den Fotolieferanten werden zwei Pakete mit den prämierten Produkten „Das Beste aus Nordhessen 2010“ verlost. Wer keine Gelegenheit hat,  zu Nordhessen geschmackvoll! zu kommen, kann trotzdem an der Fotoaktion und an der Verlosung teilnehmen: Fotos können bis zum 17. Oktober eingesandt werden an Slow Food Nordhessen, c/o Gerhard Schneider-Rose, Hersfelder Str. 150, 36179 Bebra-Breitenbach. Eine schnelle Rücksendung der Fotos wird garantiert. Beigefügt werden müssen Angaben zum Foto (Ort, Zeitpunkt, abgebildete Personen, Fotograf) und die Adresse des Absenders.